Wieviel Fahrfreude macht der neue E-Golf?

Volkswagen brachte heuer die nächste Modellgeneration des E-Golf auf den Markt. Neben der optischen Angleichung an den aktuellen Golf wurde auch die Technik einem Update unterzogen.

Der Energiegehalt der Lithiumionen-Batterie stieg von 24,2 Kilowattstunden auf 35,8 kWh. Die Reichweite soll sich demnach um rund 50 Prozent gegenüber dem Vorgänger erhöhen. Laut Normprüfverfahren sollten bis zu 300 Kilometern drinnen sein, VW gibt als „Jahresmittel je nach Fahrweise und Einsatz der Klimaanlage“ bis zu 200 Kilometer an. Auch nicht unwichtig: Innerhalb einer Stunde soll der Akku an einer Schnell-Ladesäule zu 80 Prozent wieder aufgeladen sein. An einer Wallbox dauert eine Voll-Ladung weniger als sechs Stunden.

Der Elektromotor des neuen VW E-Golf entwickelt jetzt 100 kW / 136 PS und somit 15 kW / 20 PS mehr als der Vorgänger. Das Drehmoment stieg um 20 Nm auf 290 Newtonmeter. Natürlich profitieren davon die Fahrleistungen: Von Null auf 100 km/h benötigt der Elektro-Golf jetzt 9,6 Sekunden und die Höchstgeschwindigkeit steigt auf 150 km/h. Interessante aber im realen E-Mobilitäts-Leben eher irrelevante Daten.

Neu im VW E-Golf ist das tolle Active Info Display mit den digitalen Instrumenten hinterm Lenkrad. So muss ein modernes E-Mobil von innen aussehen! Neu ist leider aber auch die Abkehr vom geliebten Volume-Drehknopf für die Lautstärkeregelung. Die +/- Tasten am Rand des 9,2-Zoll Touchscreens reagieren zwar blitzschnell auf jede Berührung, nur muss man aufgrund der fehlenden Profilierung immer genau hinsehen, bevor man drauftoucht. Auch die nun mögliche Gestensteuerung macht das nicht besser. Sorry VW, das wurde eindeutig verschlimmbessert!

Wir haben den VW E-Golf nach unseren Kriterien getestet, welche wären:

Wieviel Kilometer schafft der VW E-Golf  – ohne bei der Fahrfreude zu schwächeln?

Leider sind Fahrten mit Elektroautos auch oft mit einer gewissen Freudlosigkeit verbunden. Einerseits bietet ein E-Mobil meist ordentliche Fahrwerte und ein dank oftmals tiefem Schwerpunkt tolles Kurvenverhalten. Anderseits ist man immer mit mindestens einem Auge auf der Reichweitenanzeige und dementspechend „bachen“ unterwegs. Dies war vor allem bei den E-Mobilen der ersten Generation mit realistischen Reichweiten von rund hundert Kilometern eklatant. Pro Kilometer Reichweite am Bordcomputer waren da meistens nur realistische 200 Meter drinnen und da bekommt man schnell mal Stress und Ankommensängste. Jetzt folgt die zweite Generation und mit ihr auch unser aktueller Test E-Golf – ein Erlebnisbericht:

Laut Pressestelle wird unser Propand vollgeladen geliefert. Das macht den Einstieg in den Test unkomplizierter, verliert man nicht gleich zu Beginn wertvolle Zeit durch Aufladen. Die Türen öffnen ohne Fernbedienung – weniger als Keyless würde ich bei einem E-Mobil auch nicht akzeptieren. Der Klappschlüssel bleibt also im Hosensack. Innen alles gewohnt golfig: Tolle Sitze, das oben erwähnte Active Info Display und der große tastenlose Infotainment-Bildschirm. Die Smartphone-Kopplung dauert 15 Sekunden und drei Display-Bestätigungen – alles top, wie immer!

Reichweiten-Check: 265 Kilometer stehen am Display. Enttäuschung macht sich breit. War da nicht immer von 300 Kilometer die Rede? Mein Blick fällt auf den Fahrmodus-Knopf. Beim Start liegt immer NORMAL an. Ich drücke zweimal drauf, nach ECO erscheint ECO Plus und jedesmal steigert sich auch die Restreichweite am Bordcomputer. Soll heißen: ECO Plus = 290 Kilometer. Nur leider fällt ECO Plus für unsere Zwecke flach, weil ECO Plus = Null Fahrfreude. Sprich rund 90 km/h Vmax und die Beschleunigungswerte einer Wanderdüne.

Da probieren wir lieber den ECO Modus. Da sieht das Ganze schon deutlich freudiger aus. Reichweite laut Anzeige immer noch 280 Kilometer – theoretisch. Außerdem ordentlicher, wenn auch nicht überbordender Vortrieb ohne viel Verzicht. Dass auch die Klimaautomatik auf ECO läuft, fällt aufgrund des vorherrschenden Schlechtwetters nicht ins Gewicht.  Anders als beim Verbrenner benutze ich kaum noch die normale Bremse. Mittels Tip auf denWahlhebel rekuperiere ich vor scharfen Kurven, verzögere so den Wagen und fülle auch die Akkus wieder zum Teil auf. Wenn es passt segle ich ohne Antrieb dahin – das funktioniert auf der Autobahn am besten. Dank großem Verkehrsaufkommen sind dort derzeit nicht mehr als 110 / 120 km/h möglich – ein kleiner Vorteil bei der Reichweitenjagd. Alles darüber treibt den Stromverbrauch über die Maßen in die Höhe.

Die Reichweitenanzeige vermindert sich natürlich mit Testfortschritt, aber dank meiner angepassten Fahrweise in nicht beängstigender Schnelligkeit. Spaß habe ich trotzdem. Ich fahre den E-Golf wie einen „normalen“ Golf, also flott. Das kann auch der Elektriker ausnehmend gut. Aufgrund des fehlenden Motorsounds wird auch die felsenfeste Verarbeitung als solche besser wahrgenommen. Da knistert oder klappert wirklich nichts im Golf. Unterm Strich erreiche ich nach 169 Kilometern den Parkplatz vor dem Haus. Restreichweite 27 Kilometer. Jetzt über Nacht vollladen – das dauert an der Haushaltssteckdose noch immer rund acht Stunden. Aber egal, morgen früh gehts vollgeladen voller Fahrfreude wieder ins Büro.

Fazit: 300 Kilometer sind reine Theorie. Gut 180 im Alltag machbar. Aber das Schönste am neuen E-Golf ist der weitgehende Wegfall der gewohnten Ankommensängste beim E-Fahren. Und das sogar ohne bei der Fahrfreude zu schwächeln. Ansonsten ist der VW E-Golf einfach ein Golf – mit all seinen Vorteilen und Qualitäten.

VW E-Golf ab EUR 38.690