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Arancio brutale

  • 23. November 2009
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10:00 Uhr morgens – leichte Minusgrade. Hartnäckige Nebelschwaden weichen zaghaft den ersten Sonnenstrahlen. Eigentlich nicht die ideale Jahreszeit, um einen Lamborghini zu testen.

Vor fünf Jahren hätte ich das Angebot noch dankend abgelehnt und auf den Frühling verschoben. Aber seit der Einführung des Gallardo ist Lamborghini wintertauglich geworden. Dank brauchbarer Winterreifen und Allrad gibts auch auf rutschigen Straßen Traktion und Sicherheit. Um das Ganze noch etwas würziger zu gestalten, überließ uns Lamborghini Wien gleich den luftigen Gallardo Spyder für einen Wintertest.

Es gibt nicht viele Autos, die dieses hinreissende Arancio Borealis-Metallic ohne Peinlichkeit vertragen – der Gallardo Spyder ist definitiv eines davon.

Die Farbe und das martialische Design raubt einem schlicht den Atem. Kaum 1,20 Meter hoch und scheins genauso breit wie lang – so satt kauert der Spyder auf dem Asphalt. Wir nähern uns dem Ungetüm mit einer ordentlichen Portion Respekt.Einsteigen – rein in die kuschelige Höhle. Nicht nur SUV-Umsteiger werden feststellen, was Asphaltnähe wirklich bedeutet. Die eng geschnittenen Sportsitze passen wie teure Blue-Jeans – lassen jeden noch so kleinen Schwimmreifenansatz spürbar werden. Gut, dass wir unsere Daunenjacken vorher im „Kofferraum“ vorne deponiert haben – der war damit übrigens komplett voll …

Kurzer Blick durchs Cockpit. Hier hat die Konzernmutter ihre Spuren hinterlassen

Rundinstrumente, Navigation, Klima stammen direkt von Audi – kein Fehler, wenn man die Verarbeitungsqualität der Bayern kennt. Die lecker angerichteten Kipphebelchen auf der Mittelkonsole sind Lambo-Kreationen. Geschaltet wird per Lenkradpaddels – das entspricht am besten den sportlichen Ansprüchen des Wagens.

Gestartet wird klassisch per Schlüssel – kein Startknopf – warum auch? Hochfrequent sirrend legt der kräftige Anlasser los um nach zwei, drei Sekunden den Zehnzylinder im Genick mit einem aggressiven Huster ins Leben zu reissen. Im Rückspiegel steigt der dampfende Atem des hochkarätigen Sportmotors als Nebelwand auf. Schnell fällt der Zehnzylinder in einen fiebrig-nervösen Leerlauf. Ein kurzer Zug am rechten Paddel legt den ersten Gang ein.
Vorsichtig Gas – geschmeidig rollt der Spyder an. Lenkung und Bremspedal sind sportwagentypisch schwergängig, aber umso präziser zu bedienen. Noch ist der Motor kalt – wir müssen beide noch warm werden. Im dichten Stadtverkehr fühlt man sich ein bisschen deplatziert – man blickt in finstere Lastwagenauspuffröhren oder gezückte Handy-Cams. Der Wagen macht das alles ohne Murren mit, lediglich die etwas steife Federung erinnern an die wahre Bestimmung des Lamborghini.

Wer will, der drückt aufs Gaspedal und lässt die Welt einfach hinter sich zurück.

Also nichts wie rauf auf die Autobahn. Jetzt zeigt der Motor sein wahres Gesicht. Gierig hängt er am Gas – ab circa 4000 Umdrehungen öffnet eine Klappe im zweiflutigen Auspuff – unter infernalischem Röhren beschleunigt das Geschoss auf Reisetempo. Der Klang ist einfach ein Traum – der Genuss auf der Straße ebenso grenzenlos wie das daraus resultierende Suchtpotenzial. Alleine die lustvollen Zwischengasstöße beim Runterschalten lösen Gänsehautschauer aus. Dieser Motor ist kein synthetisch-feingeschliffenes Instrument, sondern ein böse grollender Kerl, der einem die Ohren zuerst langzieht und dann durchbläst. 520 PS bei irrwitzigen 8000 Umdrehungen, 314 km/h Spitze geschlossen (307 km/h offen) – nur für die Statistik. 0 auf 100 km/h in 4,3 Sekunden. Dass der Verbrauch irgendwo zwischen 17 und 25 Litern auf 100 Kilometer liegt und Radarstrafen fixer Bestandteil der monatlichen Ausgaben sind, dürfte potentielle Lambo-Eigner nicht abschrecken.

Kurzer Zwischenstopp – das Thermometer zeigt wohlige 13 Grad. Ein Zeichen der Klimaerwärmung…? Ein Druck auf´s Knöpferl faltet das Miniverdeck in rund 20 Sekunden unter die monströse Carbonmotorhaube. Rein in die Daunenjacke, Haube auf und Sonnenbrille nicht vergessen. Die Geräuschkulisse bekommt eine neue Dimension: Zum Auspuffröhren gesellt sich bei jedem Gasstoß ein gieriges Ansauggeräusch. Man sitzt tief im Geschehen – die Hitze des Motors und die gute Heizung machen selbst milde Wintertage zu lustvollen Cabriotagen.

Fazit:
Lamborghini ist nicht Porsche. Man wird kaum Sonntags schnell zum Bäcker damit fahren – außer der liegt irgendwo an der Rennstrecke. Dass man als Lambo-Fahrer zwischen fünf und zehn weitere Autos in seiner Garage stehen hat, macht die Sache mit der Alltagstauglichkeit auch erträglicher. Da fällt der winzige Kofferraum ebenso wenig ins Gewicht wie die rund 172.000 Euro Basispreis, die man für den Gallardo Spyder hinblättern muss.


Technische Daten:
Motor: V-10 40-Ventil Mittelmotor
Hubraum: 4961 ccm ‚
Leistung: 520 PS
Drehmoment: 510 Nm
Antrieb: Allrad
0 – 100 km/h: 4,3 Sekunden
Vmax: 314 km/h
Durchschnittsverbrauch: 25 Liter Superplus

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