Mehrwert statt Restwert

In deutschen Vergleichstests wird so manch Absurdes bewertet. Zum Beispiel der Wertverlust eines Fahrzeuges. Und weil uns das so fremd ist, haben wir uns das genauer angesehen.

Folgendes Szenario: Ein Autokauf steht an. Ich habe etwas Geld gespart, will – soweit möglich – keinen reinen Vernunftkauf machen. Für sowas gibt es Öko-Lebensmittel. Ein SUV soll es werden. Die finale Entscheidung fällt auf den Seat Ateca FR 2.0 TSI DSG. Der hat mich total überzeugt. Tolles Interieur, sportliche Details, agiler Motor, formidable Automatik, fairer Preis. Doch dann kommt der Punkteabzug – der VW Tiguan ist doch viel wertstabiler, der starke Benziner nagt auch am Restwert. Und ohne sämtliche Assistenzpakete wird das Teil sowieso unverkäuflich.

Halt! Stop! Ich fühle mich gemobbt.

Warum spielt es beim Erwerb eines Autos eine Rolle, wie hoch der Restwert nach X Jahren ist? Es ist eine unverrückbare Tatsache, dass ein PKW mit jedem Kilometer, mit jedem Tag an Wert verliert. Genauso wie Möbel, Pullover und Fernseher. Soll das echt ein Bewertungs- oder noch schlimmer, ein Kaufkriterium sein? Wäre es nicht viel lebensbejahender, die Gegenwart – in der wir ja leben – die Grundlage für eine Entscheidung sein zu lassen? Ehrlich, wenn ich den 190 PS meines Ateca via Schaltwippen die Sporen gebe, macht das einfach Spaß. Was kümmert es mich, dass ich 2027 für einen Diesel-Tiguan ein paar Netsch mehr bekommen würde?

Was mich schon zum nächsten Punkt bringt: Wer bitte kann in aller Seriösität den Wertverlust vorhersagen? Vielleicht die selben Menschen die Aktienkurse prophezeihen? Mein TSI-betriebener Skoda Octavia wurde mir förmlich aus den Händen gerissen, während unzählige seiner TDI-Brüder noch immer auf neue Besitzer warten. Wer hats kommen sehen? Genau, niemand. Das ist auch nicht weiter schlimm, kein Vorwurf an die Markanalysten und ihre Glaskugeln. Aber man soll doch bitte so ehrlich sein und zugeben, dass verläßliche Aussagen über zu erwartenden Wertverlust kaum möglich sind. Extremfälle wie Lada oder Ferrari mal ausgenommen.

Hier hakt es auch bei der ganzen E-Mobilität gewaltig. Ein BMW i3 der ersten Generation ist heute, fünf Jahre nach seinem Start, ein Reichweitenzwerg. Da kann die ASFINAG noch soviele Ladestationen bauen, der rasante Fortschritt in der Akku-Technologie lässt den Restwert alter E-Autos schmelzen wie Butter in der Sonne. Und weil wir schon bei Fortschritt sind – mitterlweile hat jeder bessere Kleinwagen Ex-Luxusfeatures wie Rückfahrkamera, adaptiven Tempomaten oder diverse Assistenzsysteme an Bord. Ein Ford Fiesta Baujahr 2018 besitzt mehr technische Finessen als ein Ford Mondeo Baujahr 2015. Auch das war so nicht unbedingt vorherzusehen.

Was mich das kümmert? Eh nix. Weil mein Seat Ateca FR mir jeden Tag eine Freude bereitet. Sein Design ist zeitlos fesch, und nach jeder Fahrt durch die Waschstraße verlieb ich mich ein klein wenig neu in ihn. Ich steige jeden Tag gern ein, auch gern wieder aus. Ich freu mich auf Schnee im Winter, feuchtes Laub im Herbst, freie Landstraßen im Frühling und Urlaubstrips im Sommer. Nach dem Motto „Kein Frust durch Wertverlust“.

Autor: Rene Bachl

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