Fast zwanzig Jahre hat es gedauert, bis Porsche den Targa-Bügel wieder ausgegraben hat. Und dieses Teil steht dem Elfer ausgezeichnet! Eine Reise zu den Ursprüngen. Gut sieht er aus, der neue Porsche 911 Targa. Blütenweiß lackiert, mit diesem alusilbernen Überrollbügel und der fragilen Glaskuppel. Man fragt sich unwillkürlich, warum Porsche fast zwanzig Jahre auf diesen geilen Targa-Bügel verzichtet hat. Das Ganze passt so stimmig zum Neunelfer, dass das normale Coupé daneben fast ein wenig angestaubt rüberkommt.

Porsche Austria hat uns einen 911 Targa 4 als Testwagen zur Verfügung gestellt. Den ohne „S“ – also den Schwachen. Wären wir auf WhatsApp würden an dieser Stelle jetzt ein, zwei Zwinker-Smiley stehen. Denn 350 Porsche-PS bezeichnen nur Leute als schwach, die noch nie in einem Neunelfer gesessen, geschweige denn einen gefahren sind. Natürlich geht S mit 400 Pferden noch ein Haucherl brachialer. Unser Tipp: Besser nicht ausprobieren und Geld sparen – der Targa 4 kostet ja in der Grundversion schon eine Lawine.

Jetzt geht’s mit unserem Baby auf eine Reise in die Vergangenheit.

Vorher erleben wir aber eine Stripshow der Extraklasse. Auf Knopfdruck zerlegt sich das halbe Auto in gefühlt hundert Teile und baut sich selbst wieder zusammen um dann offen dazustehen! Komplizierter geht’s eigentlich nimmer und wir fragen uns, ob nicht eine einfachere – vielleicht händische – Lösung besser zur Marke Porsche gepasst hätte. Nun ja, auf den Nobelmeilen dieser Welt braucht man halt etwas um zu beeindrucken. Vor allem wenn man in einem Auto sitzt, dass dort an jeder Ecke steht.

Wir meiden die schnurgerade Bundesstraße, wählen schön gekringelte Landstraßen.

Unsere Zweifel an der Ernsthaftigkeit verfliegen beim Starten des Motors. Auch wenn jede Menge Sound-Engineering dahinter steckt, der neue Elfer klingt einfach super. Rasselt, bellt und sägt, dass es eine Freude ist. Vor allem wenn die Klappen des Sportauspuffs geöffnet sind.  Einfach herrlich, wie sich der Porsche anfühlt. Verbindlich, präzise und unmittelbar. Das PDK-Getriebe liefert immer die passende Antwort auf ungestellte Übersetzungsfragen. Dazwischen schenkt es uns lustvolle Zwischengasstöße. Wir meiden die schnurgerade Bundesstraße, wählen schön gekringelte Landstraßen. Nahezu traumwandlerisch reagiert die wohl perfekteste Lenkung der Welt. Setzt jeden Befehl um, bevor er fertig gedacht ist. Dass Porschebremsen überirdisch gut funktionieren, hat uns ebenfalls nicht überrascht. Das war ja immer schon so. Und dann gibt’s natürlich diese unbändige Drehfreude, die vor allem in der Sport Plus Einstellung ins Himmelhochjauchzende geht.

Nass geschwitzt und völlig gaga vom Anströmen nähern wir uns unserem Ziel. In Sattledt, rund fünfzig Kilometer westlich von Linz hat sich Reinhard Strasser-Kirchweger mit seiner Firma RSK-Motorsport niedergelassen. Definitiv ein Hotspot für Fans und Besitzer schneller Autos. Strasser-Kirchweger und Chef-Mechaniker Patrick Mayer haben sich mit Haut und Haaren der Marke Porsche verschrieben und sind DIE Spezialisten für Neunelfer jeden Baujahrs.

Dort angekommen umweht uns tatsächlich schnell der Geist der guten alten Zeit. Eine Vielzahl von Neunelfern – alt und neu – steht im Hof oder lungert auf den Hebebühnen herum. Auch ein schönes altes G-Modell des Targa – Baujahr 1980 – wunderschön in Schieferblau lackiert, mit Fuchsfelgen und einem schwarzen Targa-Bügel. Wir parken uns daneben ein und erschrecken fast, wie groß der 911er in den letzten fünfzig Jahren geworden ist. Nicht, dass das neue Modell ausladend oder gar fettleibig wäre – beileibe nicht. Nur ist im letzten halben Jahrhundert eigentlich jedes Auto bedeutend größer und auch schwerer geworden. Unser betagtes Foto-Modell wirkt daneben, wie aus einer anderen Welt – was so ja auch stimmt.

Reinhard Strasser-Kirchweger öffnet die Motorhaube und präsentiert uns den luftgekühlten Motor. Ja, das geht bei diesem Modell noch! Nummer 991 zeigt sich da zugeknöpfter. Da sieht man nur ein paar Plastikverkleidungen. Die Technik im G-Modell ist jedenfalls auch für Laien noch halbwegs durchschaubar aber dennoch für damalige Zeiten hochkarätig. 180 PS aus einem drei Litergroßen Sechszylinder-Boxer treffen auf ein Fahrzeuggewicht von rund tausend Kilo. Das sollte reichen und fordert beim Fahren den ganzen Mann. Wir starten den Blauen und lauschen ehrfürchtig dem Klang. Ja, auch er sägt, bellt und rasselt. Nur halt nicht ganz so brachial wie unser 991er. Dafür aber in echt und ohne Sportauspuff.

Nach einem kleinen Foto-Shooting machen wir uns wieder auf die Socken. Auf der Rückfahrt genießen wir die Komfort-Abstimmung des Targa. Wir nehmen die Autobahn und erreichen ohne Stress und Eile Linz. Dass unser Targa die Strecke mit seinen 280 km/h Höchstgeschwindigkeit in wenigen Minuten erledigen könnte, ist uns egal. Dafür entschädigen der Durchschnittsverbrauch von zehn Litern und die Gewissheit, den Führerschein doch noch etwas länger zu behalten. Irgendwie geht uns der alte Targa nicht aus dem Kopf. Sowas wär’s. Quasi als fahrende Wertanlage. Gute Exemplare gehen bereits um Liebhaberpreise von um die 40.000 Euro über die Theke und der Preis steigt. Vorausgesetzt natürlich der Zustand und die Pflege passen.

Targa-Geschichte:

1965 wollte Porsche eigentlich ein Vollcabrio vom Neunelfer lancieren. Um auch am für Porsche wichtigen US-Exportmarkt punkten zu können wurde daraus ein sogenanntes “ Sicherheitscabriolet“, welches den strengen US-Zulassungsrichtlinien entsprach. Das Überrollschutzsystem beinhaltete den silbernen Targa-Bügel, ein faltbares vorderes Dachteil und das hintere Stoffverdeck mit Kunststoffscheibe konnten separat entfernt und im Kofferraum verstaut werden. Ab 1969 montierte Porsche die bekannte aus beheizbarem Sicherheitsglas gefertigte Kuppel. Die Kundschaft liebte den Targa und Porsche verkaufte das Modell weltweit höchst erfolgreich. Mit der Modellnummer 993 endete 1995 die Ära der Glaskuppel. Bis 2014 mutierte die Targa-Lösung zum überdimensionalen Glasdach – praktisch aber halt doch ein wenig langweilig. Das hat sich jetzt dank der Modellnummer 991 geändert.


Pro
+ einfach schön
+ auch ohne S ein Hammer
+ immer wieder die Alltagstauglichkeit

Contra
– die etwas überkonstruierte Dachtechnik


Daten Fakten Porsche 911 Targa 4 PDK
Motor: 6-Zylinder Boxermotor
Hubraum: 3.436 ccm
Leistung: 350 PS
Drehmoment: 390 Nm bei 5.600 U/min
Vmax: 280 km/h
0-100 km/h: 5 Sekunden
Testverbrauch: 9,6 Liter Super / 100 km/h
Preis: ab EUR 137.289,49


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